Dicht drängen sich die Massen auf der EDSA, der gewaltigen Ringstrasse, die ganz Metro Manila in Nord-Süd-Richtung durchzieht. Hunderttausende haben sich nach einem Aufruf von Kardinal Jaime Sin zwischen den revoltierenden Militärbasen Camp Crame und Camp Aguinaldo versammelt, um dem Regime des Diktators Ferdinand Marcos ihren Protest entgegen zu setzen. Unter ihnen finden sich Menschen beinahe aller sozialen Schichten, sogar Nonnen und Geistliche. Den verbliebenen regierungstreuen Einheiten gelingt es nicht, ihren gewaltlosen Widerstand zu brechen, nicht wenige wechseln zu den Aufständischen.
Am 22. Februar 1986 hatten Verteidigungsminister Juan Ponce Enrile und Vize-Armeechef General Fidel V. Ramos den Despoten zum Rücktritt aufgefordert. Dieser hatte sich zum Sieger offensichtlich manipulierter Wahlen erklärt, obwohl er längst jede Basis in Bevölkerung verloren hatte. Gewerkschafter, Armenvertreter, Bauern, Intellektuelle, Ordensleute und Politiker verschiedener Lager vereinigten sich daraufhin zu einer außerparlamentarischen Opposition und riefen immer offener zum Widerstand auf. Auch große Teile des Militärs solidarisierten sich und nicht zuletzt die USA wandten sich von dem korrupten Regime ab. Dies war das Ende einer über zwanzig Jahre währenden Gewaltherrschaft, unter der zahllose ermordete, verschleppte, inhaftierte und gefolterte Menschen zu leiden hatten.
Im November 1965 war Ferdinand Edralin Marcos ins Amt gekommen und sogar 1969 noch einmal gewählt worden, was vor ihm kein Präsident geschafft hatte. Seine erste Amtszeit war geprägt von einem wirtschaftlichen Aufschwung und der engen Bindung an die USA, mit denen Marcos sogar in den Vietnamkrieg zog. Doch allmählich verdunkelte sich die politische Großwetterlage, während auch die Wirtschaft kränkelte. Die weltweiten Studentenunruhen kamen in Form der „First Quarter Storm“ genannten Proteste 1970 in die philippinischen Städte, in den Wäldern des Nordens formierte sich unabhängig davon die maoistische Guerilla „New Peoples Army“ (NPA) und im Süden die muslimische „Moro National Liberation Front“ (MNLF), um dem Staat die Machtfrage zu stellen.
So in Bedrängnis rief Ferdinand Marcos am 21. September 1972 das Kriegsrecht aus. Es folgten Massenverhaftungen von Oppositionellen, Journalisten, Gewerkschafter u.a. politischen Gegnern. Zehntausende wurden inhaftiert, der Kongress wurde geschlossen, Marcos regierte fortan per Präsidialdekret. Oppositionelle Zeitungen und Sender wurden verboten, Privatwaffen konfisziert. Der frischgebackene Alleinherrscher und seine Frau Imelda, eine ehemalige Schönheitskönigin, verteilten die gesamte Macht im Staate sorgsam auf eine Clique aus Freunden und Verwandten. Da das Hauptziel ihres Engagements, neben der alleinigen Macht, vor allem die Erlangung persönlichen Reichtums war, wanderten Millionen Dollar auf private Schweizer Nummernkonten. Das Herrscherehepaar lebte auch vor Ort in beträchtlichem Luxus. Nach ihrer Flucht wurden etwa tausende Paare Schuhe in Imeldas gigantischen Schränken gefunden, die bis heute als Symbol für die Dekadenz dieses Regimes stehen (siehe Video unten).
1981 musste das Kriegsrecht fallen gelassen werden, Marcos regierte jedoch weiter mit eiserner Hand. Die Gesellschaft befand sich im angespannten Stillstand und langsam regte sich Protest. Als der prominente Marcos-Kritiker Benigno Aquino im August 1983 auf dem Flugplatz von Manila erschossen wurde, glaubt kaum noch jemand die offizielle Erklärung der Regierung, es habe sich um einen Einzeltäter gehandelt. Heutige Erkenntnisse sprechen dafür, dass Imelda Marcos selbst Kopf einer Verschwörung war, die den Mord durchführen ließ. Millionen Menschen nahmen am Trauerzug für Aquino teil. Seine Witwe Corazon Aquino wurde damit zur Symbolfigur für die Opposition und war auch im Volk sehr beliebt. Als sich Marcos 1985 gezwungen sah, Neuwahlen abzuhalten, trat Corazon Aquino als offizielle Gegenkandidatin an. Mittlerweile hatte die Weltöffentlichkeit Notiz von den Vorgängen auf dem Archipel genommen und so blieb es nicht unbemerkt, als der Diktator durch grobe Wahlfälschung versuchte, das Blatt im letzten Moment zu seinen Gunsten zu wenden. (In manchen Orten überstieg die Zahl der angeblich abgegebenen Stimmen die tatsächliche Einwohnerzahl um das 100fache…). Corazon Aquino wurde als Präsidentin der Philippinen vereidigt.
Am Ende der als „People Power“ bekannten Erhebung stand der Sturz des machthungrigen Autokraten und seine Flucht ins US-amerikanische Exil nach Hawaii, wo er drei Jahre später starb. Seine Leiche wurde pikanterweise bis heute nicht beerdigt, sondern befindet sich in einem Glassarg in der Kühlung, weil die 1993 auf die Philippinen zurückgekehrte Imelda Marcos auf eine Beisetzung auf dem „National Heroes Cemetery“ in Manila besteht, die mehr als unwahrscheinlich ist.
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